Eine städtische Handschrift

Die Geraardsbergen-Handschrift ist eine schicht gestaltete Handschrift aus dem 15. Jahrhundert, die 89 Texte versammelt. Der Schreiber hatte offensichtlich viel Erfahrung in der Herstellung von Büchern, aber er verwendete nicht viel Sorgfalt auf diese spezielle Handschrift (hier kann man sehen, wie sie aussieht). Deswegen kann man vermuten, dass er sie nicht für einen zahlenden Auftraggeber, sondern für sich selbst schrieb. (Mehr Informationen zu Auftraggebern im Mittelalter gibt es hier.)

Die Forschung nennt diesen Kodex Geraardsbergen-Handschrift, weil mehrere Dinge an ihm auf die flämische Stadt Geraardsbergen (Grammont) im Südwesten von Brüssel hinweisen. Zm einen wird auf eine berühmte Herberge angespielt, Inden vranxschen scilt (‘Zum französischen Schild’), zum anderen werden zwei Männer genannt: Perceval vanden Noquerstocque, Priester in Geraardsbergen und Mitglied des lokalen Adels, und Pieteren den Brant, der mehrfach chronikalisch als Leiter einer Schauspielertruppe belegt ist.

In der Handschrift finden sich Texte der unterschiedlichsten Gattungen (was verstehen wir unter Gattung?): Rätsel, Sinnsprüche (die man neben einem Bild, einem Spiegel oder einer Toilettentür anbringen konnte), Reiseberichte, religiöse Texte; daneben kürzere Verserzählungen, ein gereimter Brief, eine Predigt, ein Kalender und die Weltgeschichte als ‘Reader’s Digest’. In dieser Vielfalt spiegelt sich die Kultur des Spätmittelalters in einer flämischen Stadt. Hier geht es zur Übersicht über die 89 Texte.

Genau diese Vielfalt stellt aber die modernen Interpreten der Handschrift vor ein großes Problem, denn es ist schwierig herauszufinden, welchen Zweck sie damals erfüllt hat. Die Forschung hat sehr unterschiedliche Hypothesen über den ursprünglichen Besitzer und die hinter der Handschrift stehenden Interessen aufgestellt. Hier geben wir einen Überblick über diese faszinierende Spurensuche.

Nicht nur die in einer Handschrift enthaltenen Texte sind hilfreich, um ihrer Geschichte auf die Spur zu kommen. Aufschlussreich ist auch, sich die häufig unscheinbaren Randnotizen anzuschauen, denn sie können verraten, wer wie mit ihr wie umgegangen ist. In dieser Handschrift finden wir Namen (von Besitzern?) und andere Notizen.

Wenn Sie sich für die Forschungsliteratur zu diesem Thema interessieren, finden Sie weiterführende Hinweise hier.

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