Gattungen

In der textwissenschaftlichen Forschung werden alle Texte Gattungen zugeordnet, und das betrifft keineswegs nur literarische. In der heutigen Zeit wären Gattungen zum Beispiel Kochbücher, Liebesgedichte, Features im Radio oder Kommentare in der Zeitung.

Fürs Mittelalter tut man sich mit solchen Kategorien sehr viel schwerer. Die Schreiber hatten nämlich meistens offenbar nicht das Bedürfnis, in Überschriften dazuzusagen, zu welchen Kategorien sie die aufgeschriebenen Texte zählten; und auch wenn sie es taten, wirkt das für moderne Leser wenig systematisch (siehe z. B. das altfranzösische Wort fable in unserer Fallstudie). Auch die Zusammenstellungen von Texten in Sammelhandschriften (?) wirken auf den ersten Blick oft ungeordnet.

Dennoch sind letztere eine gewisse Hilfe, wenn wir verstehen wollen, in welchen Kategorien man im Mittelalter Texte verstand. So fällt zum Beispiel bei näherem Hinsehen auf, dass Minnereden – Texte mit klaren Kennzeichen – häufig miteinander überliefert sind. Daraus können wir schließen, dass zumindest manche Schreiber wie wir das Bedürfnis hatten, Ähnliches zu Ähnlichem zu stellen und Gruppen zu bilden. Auch wenn es für diese Gruppen keine zeitgenössische Bezeichnung gibt.

Das französische Beispiel in unserer Ausstellung enthält viele Texte, die mit Wörtern bezeichnet sind, die wie Gattungsmarker aussehen. Allerdings sind diese Marker bei weitem nicht immer eindeutig.

Manche Texte, die in verschiedenen Handschriften stehen, werden dort unterchiedlichen Kategorien zugewiesen: ‘fol est qui fol boute’ wird in einer Handschrift wie ein Wortspiel, in einer anderen wie ein Sprichwort behandelt.

Manche Gattungen gibt es heute nicht mehr, und dann fällt die Zuordnung aus unserer Sicht umso schwerer. Andere hingegen kommen uns sehr vertraut vor: Interessieren Sie sich für mittelalterliche Reiseberichte? Oder wollen Sie herausfinden, was für Rätsel man sich im Mittelalter gestellt hat?

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