Wer verfasste die Texte?

Viele Texte des Mittelalters, gerade in den Volkssprachen (?), sind uns anonym überliefert. Das hatte unter anderem damit zu tun, dass es üblich war, sich auf frühere Autoritäten zu berufen, anstatt die eigene Person – wie im Geniekult des 18. Jahrhunderts – in den Vordergrund zu rücken. Gemessen daran, gibt es wiederum gar nicht so wenige bekannte Autoren des Mittelalters. Allerdings ist das stark von der jeweiligen Gattung abhängig: Romane oder Liebeslyrik wurden traditionell mit, Epen oder kürzere Verserzählungen ohne die Nennung eines Autors überliefert.

Diese Feststellung stimmt generell, im Einzelnen aber gibt es Ausnahmen – in beide Richtungen. Manche Auoren versteckten ihren Namen in den Texten, um sicherzustellen, dass sie in der Überlieferung nicht verlorengingen.

The Renclus de Molliens, pictured writing in his cell in Paris, Bib. de l'Arsenal, MS 3142, f. 203r.  Reproduced by courtesy of Bibliothèque nationale de France : gallica.bnf.fr/?lang=EN

Der Einsiedler von Molliens schreibt in seiner Klause.
Paris, Bib. de l’Arsenal, MS 3142, f. 203r.

Manchmal wussten die Schreiber auch bei kürzeren Texten offenbar genau, von wem sie stammten – auch wenn wir nicht rekonstuieren können, woher sie das Wissen hatten –, und schrieben das dazu. Das ist zum Beispiel der Fall bei dem deutschsprachigen Autor des 13. Jahrhunderts, der sich Der Stricker nennt; bei seinen Texten zieht sich das Wissen, dass er der Autor ist, durch viele Handschriften: In Paratexten (?), wie z. B. einer einleitenden Rubrik (?) oder einem Explizit (?). In manchen Handschriften finden sich auch Autorporträts in Initialen (?) oder Miniaturen (?), wie beim Bild des Einsiedlers von Molliens.

Selten aber war die Nennung von Autoren in den Handschriften einheitlich und durchgehend. Pieteren den Brant ist einer der wenigen genannten Verfasser in der Geraardsbergen-Handschrift (zur Inhaltsübersicht dieser Handschrift klicken Sie hier). Im Kodex Berlin, SBB-PK, Ms.germ.qu. 719 hat mindestens einer der drei genannten Autoren nicht seinen wirklichen Namen, sondern ein Aptronym verwendet; dennoch kann man aus den Namen gerade in dieser Handschrift viel auf ihren Gebrauchshintergrund schließen (mehr dazu hier).

In der großen französischen Handschrift Paris, BNF, fr. 837, ist die Mehrzahl der Texte anonym überliefert. Ein Autor aber ist der Star der Sammlung: der bedeutende Dichter Rutebeuf. Seine Werke stehen beieinander und bilden eine Art Buch im Buch (hier finden Sie weitere Informationen).

Abbildung mit freundlicher Genehmigung der Bibliothèque nationale de France: gallica.bnf.fr

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