Schriften

Vielleicht erinnern Sie sich noch an die Zeit, als man Briefe mit der Hand schrieb. Wenn ja: Wie sind Sie vorgegangen? Haben Sie Schreibschrift verwendet oder Druckschrift? Was würde den besseren Eindruck beim Gegenüber machen? Und – nicht unwesentlich – was würde besser lesbar sein?

Das ganze Mittelalter hindurch und weit in die Neuzeit hinein wurde mit der Hand geschrieben; auch nach der Erfindung des Buchdrucks gab es noch eine ganze Weile handgeschriebene Bücher. Jeder Schreiber (?) hatte mehrere Schriften zur Verfügung, aus denen er je nach Bedarf wählen konnte. Für das teure Buch, das ein reicher Adeliger in Auftrag gegeben hatte, verwendete er eine sauber ausgeführte Buchhandschrift; für den Eigenbedarf oder ein Verwaltungsdokument war eine schnelle Cursiva (?) praktischer.

Die Schriften haben sich im Laufe der Zeit langsam verändert. Die Handschriften in unserer Ausstellung sind alle in einer gotischen Schrift geschrieben. Diese waren von ca. 1200 bis ca. 1500 in Gebrauch (mancherorts auch länger). Hier sind die Haupttypen gotischer Schriften, die alle mehr oder weniger sorgfältig ausgeführt werden konnten:

  1. Textualis: dfie Standard-Buchschrift, bis ca. 1400 in allen möglichen Büchern benutzt. Sie findet sich z. B. in Oxford Bodley 264 oder Paris BNF fr. 837.
  2. Cursiva: die Schrift für praktische und Verwaltungszwecke. Sie kann bedeutend schneller geschrieben werden. Beispiele sind die Handschrift Berlin Ms.Germ.Qu. 719 mit einer schnellen Cursiva, wohingegen in der Geraardsbergen-Handschrift eine stilisierte Variante verwendet wird. Charakteristisch sind die Schleifen an den Buchstaben  l, k, h und b.
  3. Bastarda (Hybrida): eine Schrift, die Eigenschaften von Textualis und Cursiva vereint; sie entstand im 2. Viertel des 15. Jahrhunderts. Die Cursiva der Geraardsbergen-Handschrift ist einer Bastarda ziemlich ähnlich.

Bis ca. 1400 wurde in literarischen Handschriften überwiegend die Textualis verwendet, wohingegen die Cursiva Verwaltungstexte vorbehalten war. Nach 1400 eroberte die Cursiva mehr und mehr Textualis-Territorium. Das kann man auch an den Handschriften in unserer Ausstellung nachvollziehen: die mit Textualis sind vor, die mit Cursiva nach 1400. MIt dem Aufkommen der Bastarda verlor die Textualis noch mehr an Bedeutung. Zu diesem Wandel finden Sie auch Hintergrundinformationen unter Werkstatt oder Kloster.

Die Lehre von alten Schriften heißt Paläographie. Sie ist nützlich, um Handschriften genau zu lokalisieren und datieren, denn auch wenn die Schriften vom Prinzip her gleich waren, unterschieden sie sich doch je nach Gegend und Zeit, in der sie aufgeschrieben wurden.

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