Buchseiten gestalten

Wenn ein mittelalterlicher Schreiber (?) eine Handschrift plante, musste er verschiedene Entscheidungen treffen. Auf der Basis der Texte, die zu schreiben waren, musste er entscheiden, welches Format (?) die Blätter haben sollten, und wie viele Blätter die Handschrift insgesamt enthalten sollte. Natürlich konnte er tricksen: Er konnte einen Text in kleiner Schrift schreiben, um Platz zu sparen, oder in großer, um ihn zu strecken. Nicht unwichtig war dabei auch der vorgesehene Gebrauchskontext: Auf Reisen trug man lieber kleine, handliche Bücher mit sich (so sind private Gebetsbücher in der Regel kleinformatig), wohingegen es sinnvoll war, ein großes Format zu verwenden, wenn viele Menschen gleichzeitig in ein Buch schauen mussten, wie beispielsweise bei Chorbüchern für Mönche (hier geht es zur Homepage über ein solches Antiphonale aus Ghent).

Private Collection (by courtesy of the owner): leadpoint ruling

Privatsammlung (mit freundlicher Genehmigung des Eigentümers): Bleistiftlinien zur Spaltenbegrenzung

Bevor man mit dem Schreiben beginnen konnte, musste man Linien auf die Seite zeichnen, die ein regelmäßiges Layout garantierten. In den linken und den rechten Rand des Doppelblattes stach der Schreiber dafür in regelmäßigen Abständen kleine Löcher (das hatte den Vorteil, dass sie auf der recto- (?) und der verso-Seite (?) auf gleicher Höhe waren). Zwischen diesen Löchern zog er dann mit einem Griffel (?) oder Metallstift (?) die Linien, auf die er schreiben wollte. Wenn er mehrere Spalten auf einer Seite haben wollte, musste er auch senkrechte Linien ziehen.

Außerdem musste vorab entschieden werden, welche Schrift der Schreiber verwenden würde und ob die Seite ausgeschmückt werden sollte. In letzterem Fall musste der Schreiber Platz lassen, denn der Buchschmuck wurde est anschließend an den Text ausgeführt (hier ist ein Beispiel für eine Illustration, die nicht fertig geworden ist). Der Buchschmuck wurde meist von verschiedenen spezialisierten Mitarbeitern der Werkstatt (oder des Skriptoriums) ausgeführt: alles mit roter Tinte vom Rubrikator (?), alle Zeichnungen und die komplexeren Initialen vom Buchmaler (?). Manchmal notierte der Schreiber kurze Anweisungen, welcher Buchstabe als Initiale ausgeführt oder welche Szene mit einem Bild versehen werden sollte.

Bei alledem musste der Schreiber aufpassen, dass die Doppelseiten und Lagen (?) nicht durcheinander gerieten. Dazu konnte er Blätter und/oder Lagen durchnummerieren. Oder er arbeitete mit Reklamanten (?) am Ende jeder Lage, die den Übergang zur nächsten Lage markierten (hier ein Beispiel, wie so etwas aussehen konnte).

Wie genau Schreiber beim Abschreiben der Texte vorgingen, finden Sie im Ausstellungsraum zu den beteiligten Menschen unter Wer schrieb die Handschriften?. Wenn Sie sich für mehr Informationen zur technischen Seite der Buchproduktion interessieren, können Sie mehr über mittelalterliche Schriften oder die Dekoration der Seiten nachlesen.

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