Bücher machen

Das Grundprinzip der Buchherstellung war im Mittelalter und ist noch heute das Falten. Nehmen Sie ein Blatt Papier und falten Sie es in der Mitte und Sie haben die Basis für ein Buch. Nicht anders hat das im Mittelalter mit Pergament oder Papier funktioniert. Ein gefalteter Bogen ergibt ein Bifolium (?) oder zwei Blätter (?) oder vier Seiten. Mit jedem weiteren Faltvorgang verdoppelt sich die Anzahl der Blätter (und Seiten), aber die Größe halbiert sich. Das Ergebnis nennt man Lage (?): eine Anzahl von Doppelblättern, eines in das andere gelegt.

Wenn man mehrere solcher Lagen zusammenbindet, erhält man einen Kodex. Das Prinzip ist bis heute das gleiche: Man braucht Löcher im Falz der Lage, eine Schnur sowie Nadel und Garn. Von der Mitte der Lage führt man die Nadel nach außen, um die Schnur herum und wieder hinein und verfährt so, je nach Format, zweimal oder öfter, so dass die Lage an die Schnur angenäht wird. Wenn alle Lagen eines Buches so fixiert sind, wird der auf diese Weise erhaltene sog. Buchblock am Einband befestigt (im Mittelalter aus Holz oder Leder oder Pergament, heute meist aus Pappe).

In einem Buch erwartet ein heutiger Leser einen Text oder eine Sammlung zusammengehöriger Texte, also eine Anthologie (was wir unter Text verstehen, können Sie hier nachlesen). Im Mittelalter war das anders. Ein Kodex konnte nur einen (langen) Text enthalten oder an diesen angehängt noch ein oder mehrere kürzere, die den Platz auffüllten (Pergament war kostbar und leerer Platz wurde nicht vergeudet). Viele Kodeices bestanden auch aus vielen kürzeren Texten, die mehr oder weniger kohärent zusammengestellt waren. Manchmal wurde auch ein bestehendes Buch um weitere Lagen mit ähnlichen oder ganz anderen Texten ergänzt und neu gebunden. Vermutlich wurden nicht wenige Texte zunächst in sog. Faszikeln (?) aufbewahrt, das heißt einer oder mehreren Lagen, die keinen festen Einband hatten. Nur wenige Faszikel haben sich allerdings so bis heute erhalten (sie waren natürlich deutlich weniger geschützt als in einem festen Einband). Dass es eine solche Praxis gab, können wir dennoch rekonstruieren, denn viele wurden nach einer Phase der Unabhängigkeit mit anderen zusammengebunden – und Schmutz und andere Gebrauchsspuren weisen heute noch darauf hin, dass sie ihren ursprünglichen Platz nicht zwischen zwei Buchdeckeln hatten. Ein Beispiel, bei dem das heute noch sichtbar ist, finden Sie in der deutschen Fallstudie.

Eine der größten Herausforderungen für heutige Kodikologen (?) besteht darin, die Geschichte eines Buches zu rekonstruieren: Wann wurden welche Teile hinzugefügt oder herausgetrennt, zu welchen Zeiten wurde es neu gebunden, was können wir über den Gebrauch des Buches im Laufe der Jahrhunderte heute noch herausfinden? Einen Kodex, in den zwei oder mehr ursprünglich unabhängige Teile zusammengebunden wurden, nennt man eine Komposithandschrift; die Teile unterscheiden sich in der Regel hinsichtlich ihres Layouts, der verwendeten Schriften, der beteiligten Hände (?), des Schriftträgers (?) oder auch einfach nur ihrer Größe. Eine solche Komposithandschrift wird in unserer niederländischen Fallstudie vorgestellt.

Informationen zur Gestaltung der Seiten in einem mittelalterlichen Buch finden Sie hier.

 

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