Texte

Wenn man heute von Text spricht, kann Verschiedenes damit gemeint sein. Das Wort kann ein ganzes Buch bezeichnen oder aber kleinere Einheiten dieses Buchs, beispielsweise bei einer Anthologie. Auch wenn Geschichten gesammelt und durch eine Rahmenerzählung verbunden sind – wie z. B. bei Boccaccios ‘Decamerone’ –, kann Text sowohl das Ganze als auch die Einzelteile meinen. Natürlich stellen wir uns heute unter einem Text etwas Geschriebenes vor, aber genauso gibt es auch mündlich konzipierte und/oder vorgetragene Texte.

Das Mittelalter kannte kein vergleichbares Konzept von ‘Text’. Es gibt eine ganze Bandbreite von Termini, die wir alle mit ‘Text’ übersetzen können (Buch, Geschichte, Erzählung, Rede etc). Dennoch kann mansehen, dass auch mittelalterliche Sammler und Leser von Handschriften eine recht klare Vorstellung von der Größe ‘Text’ hatten, auch wenn sie dafür kein übergreifendes Wort hatten: Wenn man beispielsweise mittelalterliche Inhaltsverzeichnisse ansieht (siehe Erfindungen des Mittelalters), zeigt sich, dass deren Ersteller ein ziemlich klares Bild von dem hatten, was sie da zusammenstellten: Texte wurden gezählt, nummeriert und zitiert, selbst wenn niemand sie ‘Text’ nannte.

Der Einfachheit halber verwenden wir in dieser Ausstellung den Begriff ‘Text’ für das, was in einer Handschrift gesammelt wurde, also eine zusammenhängende Anzahl von Sätzen, die in der Regel von einem vorhergehenden oder folgenden Text auf erkennbare Weise getrennt ist: Zumindest ließ die Schreiber etwas leeren Raum zwischen ihnen, sehr häufig markierte er auch den Anfang eines neuen Textes durch eine Initiale (?) und manchmal eine Rubrik (?) mit einem Titel oder einer Autornennung. Im folgenden Beispiel kann man an der freien Zeile deutlich die Grenze zwischen zwei Texten erkennen, auch wenn keine weitere Markierung vorhanden ist (der Schreiber sparte sogar Raum aus für eine Initiale, diese wurde aber nie eingefügt).

Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Ms.germ.fol. 922, fol. 17r.

Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Ms.germ.fol. 922, fol. 17r.

Unser Projekt behandelt eine bestimmte Sorte von Texten, nämlich kürzere Reimpaarerzählungen.

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