Liebe und Glück

Der Text ‘Liebe und Glück’ erzählt eine typische Minnereden-Geschichte von einem jungen Mann, der auf einem Spaziergang einer Gruppe von Frauen begegnet. Eine von ihnen spricht ihn an – später stellt sich heraus, dass es Frau Liebe (die personifizierte Liebe) ist: Sie erkennt ihn als den Dichter Wameshafft und stellt ihn ihren Freundinnen vor, die alle Personifizierungen von Tugenden wie Standhaftigkeit, Glück etc. sind. Als der junge Mann gehen will, kommt ein weiterer Mann vorbei, und Frau Liebe bittet ihn zu bleiben. Hier beginnt unser Textauszug (auf dem BIld auf der linken Seite, sechste Zeile von unten).

Hier können Sie sich anhören, wie Liebe und Glück im 15. Jahrhundert ungefähr geklungen hat (gelesen von Matthias Meyer).

Staatsbibliothek zu Berlin Liebe und Glück

Berlin, SBB-PK, Ms.Germ.Qu. 719, f. 62v/63r
Abbildung mit freundlicher Genehmigung der Stattsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz.

Original: ich wollt mit urlaüb ffon in gan / da walt mich frau lieb nit lassen / sie sprach ssye dort hin / aff die straßen / dort her sso cumpt eyn jungelinck / der hat zu myer gar groß geding / und auch zu den gespyellen myn // (63r) wolt im fraü glick behulffen ssin / so wird ssin ssach bald gut / die sselb im ssullichen schaden duot / als er dan sselber hat gespruchen / ssye hat sich woll an im gerochen / vnd het er yr eyn gross getan / so kam herczu der junge man / er grust die fraüen all mit sytten / idlich yr hant begund ym byetten / genummen uß fraü glick alda / deß wart der jünglinck gar unffro / und sprach nü will ichß got clagen /
sul ich myn kümmer lenger dragen / will eß nit nemen noch eyn end / von leyd so wand er ssine hend / ssin ffarb im alle da entweych / von großem schrecken wart er bleich.

Übersetzung: Ich wollte mich von ihnen verabschieden, doch Frau Liebe wollte mich nicht gehen lassen. Sie sagte: “Schau dort auf der Straße kommt ein junger Mann, der große Hoffnng in mich und meine Freundinnen setzt. (63r) Wenn ihm Frau Glück zuhilfe kommt, dann wird seine Sache bald gut werden. Doch sie fügt ihm solchen Schaden zu, dass er selbst sagt, sie hätte sich ganz schön an ihm gerächt, selbst wenn er ihr etwas Schlimmes angetan hätte.” Bei diesen Worten kam der junge Mann äher. Er grüßte die Damen alle wohlerzogen, und jede gab ihm die Hand, außer Frau Glück. Darüber wurde der junge Mann sehr unglücklich und sagte: “Nun will ich Gott mein Leid klagen: Soll ich denn meinen Kummer noch länger tragen? Hört das denn nie auf?” Vor Kummer rang er seine Hände, alle Farbe wich aus seinem Gesicht und vor Entsetzen wurde er bleich.

Am Ende wird aber doch noch alles gut, denn der junge Mann, dem Frau Glück bisher nicht hold war, wird lernen, das richtige Maß zu halten (mittelhochdeutsch mâze) und damit ihre Gunst gewinnen und die Liebe (oder Frau Liebe) erringen.

 

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