{"id":247,"date":"2012-08-09T12:48:48","date_gmt":"2012-08-09T12:48:48","guid":{"rendered":"http:\/\/labs.stefanschleifer.com\/codex\/?p=247"},"modified":"2013-08-22T15:38:28","modified_gmt":"2013-08-22T15:38:28","slug":"genre","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.everycodextellsastory.eu\/?p=247","title":{"rendered":"Gattungsvielfalt"},"content":{"rendered":"<p>Wenn wir Handschriften wie Paris, BNF, fr. 837\u00a0untersuchen, die so viele verschiedene Texte enthalten, ist eine der ersten Fragen, ob die Texte nach Gattungen sortiert sind (<a title=\"Gattungen\" href=\"http:\/\/de.everycodextellsastory.eu\/?p=1925\">was verstehen wir unter Gattung?<\/a>). So w\u00fcrden wir das in heutigen B\u00fcchern erwarten: Liebeslyrik mit Liebeslyrik, Kurzgeschichten mit Kurzgeschichten, Gebete mit Gebeten. Im Mittelalter hingegen gab es beides: Handschriften mit (\u00fcberwiegend) homogener Gattungsstruktur \u2013 und Handschriften wie BNF, fr. 837, in denen eine wilde Mischung zusammengestellt ist: religi\u00f6se neben weltlichen, belehrende neben unterhaltenden und lyrische neben epischen Texten. (Eine der Handschriften aus unserer deutschen Fallstudie ist eine vergleichbar <a title=\"Wilde Mischung\" href=\"http:\/\/de.everycodextellsastory.eu\/?p=934\">heterogene Sammlung<\/a>, wenn auch weniger gro\u00df.)<\/p>\n<p>Hier ein Auszug der enthaltenen Gattungen:<br \/>\nLiebeslyrik, Gebete, Credos, Abecedarien, unterhalsame Geschichten, derbe und zotige Geschichten, Abenteuergeschichten, moralisch-didaktische Texte, Astrologisches, Fabeln, Liebesgeschichten, Heiligenleben, Bestiarien (allegorische Tierdichtungen, Weingr\u00fc\u00dfe, Sprichw\u00f6rter, Spiele und Dialoge etc. etc. etc. (\u00dcbrigens ist die Handschrift zwar inhaltlich vielf\u00e4ltig, <a title=\"Formale Einheitlichkeit\" href=\"http:\/\/de.everycodextellsastory.eu\/?p=1221\">ihre formale Gestaltung<\/a> ist aber erstaunlich einheitlich.)<\/p>\n<p>An einem Beispiel wollen wir zeigen, wie ein Zusammenhang zwischen zwei Texten bestehen kann, die auf den ersten Blick diametral entgegengesetzt scheinen.<\/p>\n<div id=\"attachment_451\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/de.everycodextellsastory.eu\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/boivinscourtois.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-451\" class=\"size-medium wp-image-451  \" title=\"Cortois d'Arras \/ Boivins de Provins\" alt=\"\" src=\"http:\/\/de.everycodextellsastory.eu\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/boivinscourtois-300x204.png\" width=\"300\" height=\"204\" srcset=\"https:\/\/de.everycodextellsastory.eu\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/boivinscourtois-300x204.png 300w, https:\/\/de.everycodextellsastory.eu\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/boivinscourtois-440x300.png 440w, https:\/\/de.everycodextellsastory.eu\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/boivinscourtois.png 889w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-451\" class=\"wp-caption-text\">Paris, BNF, fr. 837 (vor 1300), ff. 66v-67r<\/p><\/div>\n<p>Auf dieser Doppelseite folgt ein Fabliau (<a title=\"Glossar\" href=\"http:\/\/de.everycodextellsastory.eu\/?page_id=1147#fabliau\">?<\/a>) von Boivin de Privins auf eine Nacherz\u00e4hlung der biblischen Geschichte vom Verlorenen Sohn (der Autor hei\u00dft Cortois d&#8217;Arras). Cortois&#8217; Erz\u00e4hlung endet mit den Worten: <em>Chantons de deus laudamus<\/em> (&#8216;Singen wir Gott und loben ihn&#8217;); Boivin Text beginnt: <em>Molt bons lechierres fu Boivins<\/em><br \/>\n(&#8216;Boivin war in Liebesdingen kein Kostver\u00e4chter&#8217;).<\/p>\n<p>Der Kontrast allein schon dieser Verse k\u00f6nnte gr\u00f6\u00dfer nicht sein. Offenbar st\u00f6rte dieses Nebeneinander die mittelalterlichen Leser aber nicht. Auch in der Aussage unterscheiden sie beide Texte drastisch: Cortois verdammt Prostitution sowie Stolz und Hybris. Stattdessen komme es auf Reue und Vergebung an. Bei Boivins geht es um etwas v\u00f6llig anderes. Er f\u00fchrt vor, wie der Protagonist geschickt zu Essen, Trinken und Sex gelangt, ohne daf\u00fcr zu zahlen. Die Moral ist hier: Sei listig, dann bringst du es weit in der Welt. Auch formal sind die Texte verschieden: Cortois besteht fast vollst\u00e4ndig aus Dialogen, wohingegen Boivins Geschichte einen Erz\u00e4hler hat.<\/p>\n<p>Aber eine Sache haben sie gemeinsam: In beiden Texten spielt ein Gro\u00dfteil der Handlung in einem Bordell, in dem zwei Frauen versuchen, einen Mann \u00fcbers Ohr zu hauen. Nur verliert der Verlorene Sohn dadurch all sein Geld, wohingegen Boivin sich nur scheinbar \u00fcberlisten l\u00e4sst, in Wirklichkeit aber selbst derjenige ist, der die Frauen hinters Licht f\u00fchrt. Er gibt vor, das zu sein, was der junge Mann bei Vortois tats\u00e4chlich ist: ein naiver, verf\u00fchrbarer Mann.<\/p>\n<p>Zwei Texte, die auf den ersten Blick diametral entgegengesetzt wirken, k\u00f6nnen bei genauerem Hinsehen also eine deutliche Verbindung aufweisen. Wir sind \u00fcberzeugt, dass sich noch viel mehr solche Verbindungen in den scheinbar chaotisch zusammengestellten Handschriften verstecken.<\/p>\n<p>Gab es also im Mittelalter keine Gattungskonzepte, wie wir sie kennen? Wir glauben, es gab sie, aber die Grenzen sind flie\u00dfender als in moderner Literatur. Auf die Spur kann man ihnen kommen, indem man <a title=\"Namen f\u00fcr Gattungen?\" href=\"http:\/\/de.everycodextellsastory.eu\/?p=3182\">mittelalterliche Bezeichnungen<\/a> f\u00fcr Texte untersucht.<\/p>\n<p>Hier geht es zur\u00fcck zur <a title=\"Ein wahres F\u00fcllhorn\" href=\"http:\/\/de.everycodextellsastory.eu\/?p=237\">Startseite zu dieser Handschrift<\/a>.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: x-small;\">(Abbildung mit freundlicher Genehmigung der Biblioth\u00e8que nationale de France: gallica.bnf.fr.)<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn wir Handschriften wie Paris, BNF, fr. 837\u00a0untersuchen, die so viele verschiedene Texte enthalten, ist eine der ersten Fragen, ob die Texte nach Gattungen sortiert sind (was verstehen wir unter Gattung?). 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